Während die Schweizerin Alessandra Keller (Thömus) auch die dritte Etappe des Drei-Etappen-Rennens gewann, konnte der Vorarlberger Daniel Geismayr (Centurion-Vaude) seinen ersten Tagessieg feiern

Unter stahlblauem Engadiner Himmel reichte dem Rheinecker (Kanton St. Gallen) Simon Vitzthum (jb Brunex felt) heute der zweite Platz mit einem Rückstand von 1:58 min hinter dem österreichischen Tagessieger Daniel Geismayr (Siegerzeit 2:56:36 h), um den Gesamtsieg bei der fünften Austragung des Engadin Bike Giro perfekt zu machen. Vitzthum hatte beim Start der dritten Etappe über 64,4 km und 1.992 Höhenmeter gerade mal eine Sekunde Vorsprung auf seinen ärgsten Widersacher, den Wyniger (Kanton Bern) Lukas Flückiger vom Team Infinity, während Geismayr nach technischen Problemen auf der zweiten Etappe bereits in der Gesamtwertung abgeschlagen über eine halbe Stunde Rückstand hatte. Daher konterte die rund zehnköpfige Spitzengruppe die Attacke des Österreichischen Staatsmeisters Geismayr hinauf auf den Sulvrettapass nicht und ließ ihn ziehen. So es zum erwarteten Showdown zwischen Vitzthum und Flückiger, den ersterer mit einem Vorsprung von 37 Sekunden schließlich deutlich für sich entschied. Flückiger zollte der Leistung des 25-Jährigen großen Respekt: „Ich gönne Simon den Gesamtsieg. Er war sehr stark und hat konstant sehr gute Leistungen geliefert. Er ist in guter Form. Das ist Weltklasse!“ Flückiger, der selbst gerne die Gesamtwertung gewonnen hätte, hatte im letzten Teil des langen Anstiegs Magenprobleme und musste Vitzthum ziehen lassen. Zwischenzeitlich war der Vitzthums Vorsprung sogar auf drei Minuten angewachsen, doch während Flückiger in den abschließenden Singletrails alles daran setzte, Vitzthum wieder einzuholen, fuhr der auf Nummer sicher: „Ich wusste, ich muss ruhig bleiben. Eine Sekunde Vorsprung ist nichts, ein platter Reifen kostet viel mehr Zeit. Aber ich wusste auch: in der Abfahrt sind Flückiger, Julian Schelb und Thomas Litscher schneller als ich. Deswegen musste ich schon vorher einen Vorsprung heraus fahren.“ Zwei Wochen vor der Schweizermeisterschaft im olympischen Cross-Country in Gränichen (Aargau) zeigt sich Vitzthum in glänzender Verfassung.

Daniel Geismayr (Centurion-Vaude) „wollte heute unbedingt nochmal zeigen, was ich kann und was geht.“ Das gelang dem Vorarlberger bestens: „Im langen Anstieg konnte ich meinen Rhythmus fahren.“ Schnell hatte er einen kleinen Vorsprung herausgefahren, fühlte sich selbst „wie im Tunnel“ und kletterte hinauf zum Sulvretta-Pass: „Es war bestimmt von Vorteil, die engen Spitzkehren alleine hochzufahren. Dort war es relativ steil und rutschig. Wenn einer einen Fehler macht, müssen alle absteigen.“ Geismayr musste aber weder dort noch in der Abfahrt etwas riskieren und konnte die Etappe nach 2:56:36 Stunden für sich entscheiden, fast vierzig Minuten schneller, als in der Marschtabelle des Veranstalters als Siegerzeit angenommen worden war.

Um Platz 3 in der Tageswertung kämpften Thomas Litscher (KMC Orbea) und Flückiger im Sprint am Ufer des Silvaplaner Sees. Hauchdünn und erst nach Auswertung des Zielfilms erklärten die Kommissäre von Swiss Cycling Flückiger zum Drittplaziertem, Litscher musste sich mit Rang 4 zufrieden geben, hatte aber auch gar keine großen Ambitionen auf die Gesamtwertung: „Ich habe gute Reize gesetzt für die nächsten beiden Wochenenden“, an denen in der Schweiz ein Rennen der nationalen Cross-Country-Rennserie Swiss Bike Cup in Leukerbad und die Schweizermeisterschaften auf dem Programm stehen. „Meine Beine waren am ersten Tag am schlechtesten, gestern gings besser, und heute nochmal besser. Ich bin tiptop zufrieden, es passt alles“, zeigte sich der 31-Jährige jedenfalls zufrieden mit dem vierten Platz in der Gesamtwertung (+5:15 min). Dazwischen platzierte sich auf Rang 3 der Gesamtwertung der Münstertaler Julian Schelb vom Team Stop&Go Marderabwehr. Der hatte zwar keine Podiumsplatzierungen bei den einzelnen Etappen vorzuweisen (1. Etappe Sechster, 2. Etappe Vierter, 3. Etappe Fünfter), durch seine konstant guten Leistungen wanderte Schelb in der Gesamtwertung dennoch stetig nach oben: „Ich kann eine sehr positive Bilanz ziehen. Ich hab immer das Maximale rausgeholt und bin sehr konstant gefahren.“ Während viele Sportler in Corona-Zeiten mehr Zeit fürs Training aufwenden konnten, ging der gelernte Zimmermann und Semi-Mountainbike-Profi einen anderen Weg: er erhöhte sogar seine Arbeitszeit von 60 auf 80 Prozent: „Wenn am Wochenende keine Rennen sind, kann ich auch mehr arbeiten.“

Pechvogel bei den Männern war der Vorjahressieger Sascha Weber, der sich extra unweit des Engadins in Livigno wochenlang speziell auf dieses Rennen vorbereitet hatte. Bei einem Sturz auf der ersten Etappe verletzte er sich unglücklich am Daumen. Zwar konnte er die zweite Etappe für sich entscheiden, bei der dritten Etappe musste der gebürtige Saarländer, der jetzt im Mountainbike-Mekka Schwarzwald lebt, überraschend aufgeben: „Als wir über eine Bahnlinie überquerten, wurde mir klar, dass ich mit dem lädierten Daumen kaum die lange Abfahrt vom Sulfretta-Pass hinunterfahren kann, so schön die Trails da auch sind. Schweren Herzens entschied ich mich, das Rennen vorzeitig zu beenden.“

Während es also bei den Männern hochdramatisch herging, gab es bei den Frauen eine souveräne, unangefochtene Siegerin: mit drei Etappensiegen sicherte sich die 24-jährige Schweizerin Alessandra Keller (RN Thömus) in einer Gesamtzeit von 9:33:37 Stunden auch den Gesamtsieg des Engadin Bike Giro, knapp zwanzig Minuten vor ihrer Landsfrau Linda Indergand, die im Trikot der Schweizerischen Nationalmannschaft gestartet war. Die Grundlage für ihren Gesamtsieg legte sie in den Anstiegen, wo sie kaum Zeit auf ihre Konkurrentinnen verlor. In den Downhills aber spielte sie ihre technische Brillanz aus: „Heute habe ich am langen Aufstieg schon sehr gelitten. Meine Beine waren ein bisschen müde von den letzten beiden Tagen. Es war richtig steil und richtig lang“, beschrieb Keller den Anstieg über fast 1.000 Höhenmetern am Stück hinauf zum Sulvretta-Pass. Belohnt wurde sie wie alle anderen knapp 500 Teilnehmer mit der grandiosen Aussicht und „echt coolen und richtig vielen Trails“ bergab. Dabei hatte Keller gar nicht damit gerechnet, das hochklassig besetzte Rennen so zu dominieren: „Ich hab nicht damit gerechnet, dass der Gesamtsieg so deutlich sein wird. Aber ich habe mich im Vorhinein sehr gut gefühlt und konnte trotz Corona gut trainieren. Für mich war es wirklich mal Zeit, auch nach meiner Verletzung letztes Jahr, dass ich mein Potential voll abrufen kann“, sagte Keller, die ihr Pharmazie-Studium zugunsten einer optimalen Olympia-Vorbereitung pausiert, nach dem Zieleinlauf direkt am berühmten Kite-Beach von Silvaplana.

Ihr bestes Tagesergebnis erreichte die Deutsche Meisterin Elisabeth Brandau vom Team Radon EBE-Racing. Nachdem sie mit dem feuchtkalten Wetter bei der zweiten Etappe überhaupt nicht zurechtgekommen war, konnte die Cross-Country-Spezialistin, für die Anstiege selten länger als wenige Minuten am Stück dauern, das Rennen über 3:43 Stunden besser managen: „So einen langen Anstieg kenne ich aus dem Cross-Country gar nicht, das hab ich dieses Jahr auch noch gar nicht trainiert. Ich habe daher Angst gehabt, dass es hinten raus nicht reichen würde.“ Brandau hatte in einer kurzen Abfahrt vor dem langen Anstieg den Anschluss zu Keller verloren, konnte die Lücke aber wieder schließen und hatte oben am höchsten Punkt rund eine Minute Vorsprung auf Keller. „Aber Alessandra hat mich dann gleich wieder eingeholt.“ Die beiden fuhren eine Zeitlang zusammen, ehe Keller beschleunigte und der Deutschen davonzog. Am Ziel hatte Brandau dann 3:46 min Rückstand auf Keller, was für den zweiten Platz im Tagesklassement reichte und mit dem sie Adelheid Morath (KS Trek, Freiburg) auch noch vom dritten Gesamtplatz verdrängte.

Auch Abfahrtsliebhaberin Linda Indergand war ganz begeistert von den „flowigen Trails“ am heutigen. Doch bis sie diese erreichte, musste die Sportlerin aus dem Kanton Uri „viel leiden“, wie sie im Ziel zu Protokoll gab. „Aber mir spielt in die Karten, dass die letzte Abfahrt technisch so schwierig war. So könnte es von mir aus immer sein“, strahlte sie am Kite-Beach von Silvaplana mit der Sonne um die Wette. Den Wunsch dürfte ihr Veranstalter Kai Sauser gerne erfüllen. Für ihn war die fünfte Austragung des Engadin Bike Giro „ein Traum, dass das Rennen überhaupt stattfinden durfte, dass wir es organisieren durften und dass die Sportler wieder einen Wettkampf bestreiten durfte“, sagte Sauser mit Blick auf die Corona-Pandemie: „Es war eine tolle Stimmung das ganze Wochenende über. Jeder hatte wieder richtig Bock. Das macht einfach Spaß.“ Corona hat den Veranstaltern aus Villingen-Schwenningen trotz Corona-Auflagen und Hygienekonzept einen neuen Teilnehmerrekord beschert. „Bislang waren im Oberengadin 300-400 Athletinnen und Athleten aller Altersklassen an den Start gegangen, in diesem Jahr waren es 470“, freut sich Sauser. Jetzt blickt er voraus zur nächsten Großveranstaltung seiner Eventagentur, dem Rothaus Bike Giro im Hochschwarzwald. „Da haben wir bislang das okay für 500 Teilnehmer über vier Tage.“